Hassrede gegen “gurbetçiler” auf Twitter: Umfang und Facetten (Stand August 2025)

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Über Almancı-Hass (Numerische Diskurse) 🎙️
Zwischen „muasır medeniyet“ und Almancı-Hass: Ein essayistischer Bericht

(Turkish)

Einleitung

Viele Jahre galten im Ausland arbeitende Türken – umgangssprachlich Almancılar oder gurbetçiler – als „Helden“ des wirtschaftlichen Aufschwungs; heute werden sie in der Heimat immer öfter zur Zielscheibe hämischer Kommentare. Die Bezeichnung gurbetçi (Heimatsehnsüchtige aus der Ferne) beschreibt Menschen mit türkischen Wurzeln, die in Deutschland, Österreich und anderen europäischen Staaten leben und regelmäßig in die Türkei reisen. Auf sozialen Netzwerken, besonders auf Twitter (jetzt X), verbreiten sich jedes Jahr zur Urlaubssaison abfällige Posts: sie beklagen die „Almancı“ als protzige Fremde, werfen ihnen vor, sich am heimischen Wohlstand zu bereichern oder politische Entscheidungen aus dem Ausland zu beeinflussen. Dieses Phänomen wird in der Öffentlichkeit unter dem Schlagwort “gurbetçi‑nefret” diskutiert.

Der vorliegende Bericht untersucht, wie groß die Hassrede gegen gurbetçiler auf Twitter ist, welche Inhalte dominieren und welche sozialen, politischen und ökonomischen Faktoren dahinterstehen. Da nur wenige systematische Datensätze verfügbar sind, stützt sich die Analyse auf öffentlich zugängliche Forschungsberichte zur Hassrede auf Twitter, Presseberichte aus dem Jahr 2025 und Aussagen aus der Diaspora. Twitter‑spezifische Beispiele werden ergänzend durch allgemeine Studien zur Hassrede auf türkischen Social‑Media‑Plattformen untermauert.

Methodik und Datenquellen

  • Medienberichte: Türkische Exilmedien wie Turkinfo und Artı33 haben im Sommer 2025 umfangreich über die wachsende Wut auf gurbetçiler berichtet. Sie zitieren typische Twitter‑ und Instagram‑Beiträge, dokumentieren die Reaktionen von Betroffenen und juristische Schritte gegen Hassreden[1][2].
  • Wissenschaftliche Studien: Allgemeine Untersuchungen zur Hassrede auf Twitter zeigen, dass die interaktive Struktur des Netzwerks die Verbreitung von Diskriminierung erleichtert. Eine vergleichende Studie zu Tweets und Online‑Zeitungsartikeln belegt, dass auf Twitter deutlich mehr Hassrede produziert wird als in Hürriyet-Artikeln; retweet‑Funktionen lassen beleidigende Inhalte besonders schnell zirkulieren[3]. Eine weitere Studie des Hrant Dink‑Stiftungsprojekts analysierte im Mai 2023 über 22 900 Tweets zu verschiedenen Minderheitengruppen und fand in 46,9 % der untersuchten Tweets Hass‑ oder diskriminierende Rede[4]. Diese Zahlen zeigen, wie verbreitet Hassrede im türkischen Twitter‑Kosmos generell ist.
  • Soziologische Analysen: Ein Essay des Brüsseler Portals Bruxelles Korner untersucht die wachsende Spannung zwischen Diaspora und Inlandsbevölkerung. Der Autor stellt fest, dass seit der Corona‑Pandemie und dem wirtschaftlichen Abstieg „kıskançlık‑çekememezlik‑hasetlik“ (Neid und Missgunst) stark zugenommen hat und in sozialen Medien offener Hass gegenüber gurbetçiler verbreitet wird[5].
  • Juristische Rahmenbedingungen: Artikel 122 des türkischen Strafgesetzbuchs (TCK 122) stellt Diskriminierung oder Volksverhetzung aufgrund von Herkunft oder Aufenthaltsort unter Strafe. Juristen betonen, dass Aussagen wie „Mevsimlik vatanseverler“ (saisonale Patrioten) oder „Kaza haberlerini bekliyoruz“ (wir warten auf Unfallmeldungen) strafbar sind[6].

Umfang der Hassrede gegen gurbetçiler auf Twitter

Twitter als Verstärker von Hassrede

Forschungen zur Hassrede auf türkischen Social‑Media‑Plattformen zeigen, dass Twitter im Vergleich zu Online‑Zeitungen ein besonders fruchtbarer Boden ist. Eine qualitative Studie, die Tweets über syrische Geflüchtete analysierte, fand im untersuchten Zeitraum deutlich mehr Hassrede auf Twitter als in den Hürriyet‑Artikeln. Das interaktive Design – insbesondere das Retweet‑System – erleichtere die rasche Verbreitung diskriminierender Inhalte[3]. Die Autoren betonten, dass der unregulierte Charakter sozialer Medien die Produktion von Hassrede begünstigt[7].

Ein Bericht der Hrant Dink Stiftung vom Mai 2023 filterte 22 900 Tweets zu verschiedenen Identitäten und analysierte rund 2 395 davon manuell. In 1 124 Tweets (46,9 %) fanden die Forscher Hassrede oder diskriminierende Sprache[4]. Besonders hoch war die Rate bei Tweets mit bestimmten Schlüsselworten: 78,4 % der untersuchten Tweets mit „Ermeni“ (Armenier) enthielten Hass, 72,4 % der Tweets mit „Afgan“ (Afghane) und 51,2 % der Tweets mit „Sapkın“ (pervers)[8][9]. Obwohl diese Studie nicht gurbetçiler untersucht, verdeutlichen die Zahlen, wie stark Hassrede auf türkischsprachigem Twitter verbreitet ist und wie wahrscheinlich es ist, dass auch gegen gurbetçiler gerichtete Tweets unter ähnlichen Bedingungen entstehen.

Sommerlicher „Hass‑Zyklus“

Die meisten Berichte über “gurbetçi‑nefret” stammen aus den Sommermonaten 2024 und 2025. Während der Urlaubssaison kehren Hunderttausende im Ausland lebende Türken über die Landgrenzen zurück; Bilder von kilometerlangen Autokolonnen gehen viral. Laut Turkinfo löst allein die Präsenz teurer Autos und die wirtschaftliche Kaufkraft der Rückkehrer zahllose spöttische Tweets aus[1]. Typische Kommentare auf Twitter lauten:

  • Geldi yine Almancılar“ (“Da kommen sie wieder, die Almancılar”)
  • Euro kazanıp hava atıyorlar“ (“Sie verdienen Euro und prahlen damit”)
  • Türkiye’de yaşasalar geçinemezlerdi“ (“Würden sie hier leben, kämen sie nicht über die Runden”)[10].

Zur Urlaubssaison 2025 verstärkte ein Video des Kanals BPT Haber den Hass: Unter einem Beitrag, der den Grenzübertritt von 6 192 Fahrzeugen in 16 Stunden meldete, häuften sich Kommentare wie „Mevsimlik vatanseverler“ (saisonale Patrioten), „Dönüş yolundaki kaza haberlerini bekliyoruz“ (wir warten auf Unfallmeldungen) und „Tuvaletçiler geliyor“ (die Toilettenreinigenden kommen)[11]. Rechtsexperten verwiesen darauf, dass solche Äußerungen nach Art. 122 TCK strafbar sind[6]; viele Betroffene erstatteten Anzeige, indem sie Screenshots der Tweets vorlegten[12].

Fehlende genaue Zahlen, aber zahlreiche Indizien

Konkrete quantitative Messungen zum Umfang des Hassdiskurses gegen gurbetçiler existieren nicht; Twitter stellt seine Daten für solche Analysen nur eingeschränkt zur Verfügung. Das Z‑Bericht der Hrant Dink‑Stiftung zeigt jedoch, dass rund die Hälfte der untersuchten politischen Tweets Hassrede enthielt[4]; daraus kann man schlussfolgern, dass bei Themen mit hohem Konfliktpotenzial – etwa Migration oder Wahlen – ein ähnlich hoher Hassanteil besteht. Dass die gurbetçi-Debatten regelmäßig zu den meistdiskutierten Hashtags gehören und die erwähnten Posts über 6 000 Antworten erzeugen, belegen die Medienberichte; das legt nahe, dass es sich um ein Massenphänomen handelt.

Facetten der Hassrede gegen gurbetçiler

Ökonomischer Neid und soziale Missgunst

Die stärksten Reaktionen richten sich gegen das sichtbare Wohlstandsniveau vieler Diaspora‑Türken. Medien berichten, dass manche gurbetçiler mit großen SUVs oder Limousinen in die Türkei fahren und in den Ferien ihre Kaufkraft demonstrieren; dies triggert negative Kommentare wie „Euro’yu bozdurup hava atıyorlar“. Turkinfo macht deutlich, dass diese Vorwürfe auf wirtschaftliche Frustration in der Türkei zurückgehen: die hohe Inflation und der Lira‑Verfall verstärken den Eindruck, die im Ausland lebenden Landsleute lebten in Luxus[1].

Ein sozialwissenschaftlicher Beitrag erklärt, dass Neid und Missgunst („kıskançlık‑çekememezlik‑hasetlik“) insbesondere seit der Corona‑Pandemie und der anschließenden Wirtschaftskrise stark zugenommen haben[5]. In dieser Analyse wird betont, dass das gegenseitige „Dedis“ auf Social‑Media‑Plattformen – inklusive Twitter und TikTok – das Feuer immer wieder anfachen[13].

Politische und kulturelle Loyalitätsfragen

Twitter‑Posts werfen den gurbetçiler häufig vor, sich politisch „einzumischen“. Besonders bei den Wahlen 2023 und 2024 entbrannte eine Debatte darüber, ob Auslands­türken das Recht haben sollen, in der Türkei zu wählen. Turkinfo zitiert Kommentare wie „Avrupa’da yaşayıp Türkiye’nin siyasi geleceğine müdahale ediyorlar“ – sie lebten im Ausland, griffen aber in die türkische Politik ein[14]. Dabei wird betont, dass viele Auslands­türken in Europa linke oder sozialdemokratische Parteien unterstützen, während sie in der Türkei konservativ wählen, was für manche Inlandsbürger als „Doppelmoral“ gilt[15].

Darüber hinaus werden kulturelle Unterschiede ins Feld geführt: Diaspora‑Türken sprechen manchmal ein akzentuiertes Türkisch, verwenden deutsche Wörter oder vertreten modernere Werte; konservative Stimmen in der Türkei werfen ihnen Assimilation vor („Tuvaletçiler geliyor“ spielt auf Berufe wie Reinigung an). Im Extremfall werden gurbetçiler in Tweets „mevsimlik vatanseverler“ genannt, die nur zum Urlaub die Heimat lieben, ansonsten aber „wie Deutsche“ lebten[11]. Diese Zuschreibungen zementieren die Wahrnehmung, dass sie weder ganz zur Türkei noch ganz zu Europa gehören.

Hassrede als juristisches Problem

Die zitierten Beispiele erfüllen – laut Juristen – die Kriterien des Volksverhetzungs‑ und Diskriminierungsparagrafen 122 TCK. Artı33 verweist darauf, dass es strafbar ist, Personen wegen ihrer Herkunft zu beleidigen und zum Unglück zu wünschen[6]. Deshalb reichten im Sommer 2025 viele Betroffene Strafanzeigen mit Screenshots der Tweets ein[12]. Auch Menschenrechtsorganisationen kritisierten, dass beleidigende Hashtags auf Twitter nur langsam gelöscht werden.

Reaktionen und Gegenstimmen

Diaspora‑Selbstorganisation

Viele Auslands­türken wehren sich mit eigenen Hashtags gegen den Hass. Neben humorvollen Reaktionen („Biz tuvaletçi değil gurbetçiyiz“) zirkuliert etwa der Hashtag #gurbetçiyedokunma (Fasst die Auslands­türken nicht an), um die Öffentlichkeit an den wirtschaftlichen Beitrag der Diaspora zu erinnern. Turkinfo betont, dass die rund 7 Millionen Auslands­türken in der Türkei Bankguthaben von etwa 40 Milliarden Euro halten[16] und dass ihre jährlichen Ferienaufenthalte Milliarden an Devisen einbringen[17]. Diese Fakten werden in Tweets und Artikeln genutzt, um den Wert der Diaspora hervorzuheben.

Juristische und politische Initiativen

Im Zuge der 2025‑Debatte riefen türkische Anwälte dazu auf, einschlägige Tweets zu melden. Artı33 berichtet, dass sich mehrere gurbetçiler direkt an Innenministerium und Staatsanwaltschaft wandten und eine konsequente Anwendung von TCK 122 forderten[12]. Gleichzeitig warnen Rechtswissenschaftler, dass Hassrede auf Social‑Media‑Plattformen die öffentliche Ordnung stören kann[18].

Die türkische Auslandstürkbehörde (YTB) hat zudem eine Meldeplattform für Hassrede im Ausland eingerichtet. Medienberichte (allgemein) weisen darauf hin, dass Strafverfolgungsbehörden in schweren Fällen Ermittlungen einleiten.

Zivilgesellschaftliche Diskussionen

Abseits von Strafanzeigen finden auch diskursive Interventionen statt. So versuchen einige Journalisten und Wissenschaftler, differenzierte Debatten zu fördern, indem sie auf die unterschiedlichen Lebensrealitäten hinweisen: nicht alle gurbetçiler fahren Luxusautos, und viele engagieren sich für wohltätige Zwecke. Der oben zitierte Essay warnt davor, dass die wachsende Kluft „wie ein unkontrollierbarer Lkw den Berg hinunterrollt“ und sogar zu gewaltsamen Konflikten führen könnte[5].

Diskussion: Warum entsteht dieser Hass?

Die Hassrede gegen gurbetçiler lässt sich als Symptom tiefer liegender sozialer Spannungen lesen:

  1. Ökonomische Divergenzen: Die Lira‑Abwertung ließ den Lebensstandard in der Türkei sinken, während gurbetçiler ihre Kaufkraft durch Euro‑Einkommen steigerten. Der sichtbare materielle Unterschied erzeugt Neid; dies zeigt sich in Tweets, die Reichtum als Arroganz deuten[1].
  2. Erwartungsbruch des Modernisierungs‑Narrativs: Wie der eingangs erwähnte Essay (und die im Auftrag des Nutzers bereitgestellte Literatur) beschreibt, sollte die Türkei dem Ideal der muasır medeniyet (zeitgenössische Zivilisation) nacheifern. Dass viele Menschen ihre Zukunft im Ausland suchen mussten, wird als kollektives Versagen erlebt; die Diaspora dient als Spiegel, der schmerzlich daran erinnert, dass der Traum der Modernität im Inland unerfüllt blieb. Einige projizieren diese Frustration als Verachtung auf die Rückkehrenden.
  3. Politische Polarisierung: Inlandsbürger werfen der Diaspora vor, bei Wahlen im Ausland liberal und in der Türkei konservativ zu wählen[15]. Die Diaspora fühlt sich dadurch erneut als Fremdkörper. Wahlkämpfe verschärfen diese gegenseitige Ablehnung.
  4. Medienverstärkung: Sensationsgetriebene TV‑Formate und Social‑Media‑Kanäle verbreiten Polittalks und Straßenumfragen, die extreme Positionen fördern. Laut dem Brüsseler Beitrag tragen gezielt provokante Interviews dazu bei, dass Unmut hochkocht[13]. Twitter selbst ist wegen seiner Interaktionsmechanismen ein Multiplikator für negative Emotionen[19].

Fazit

Eine umfassende Erhebung der Hassrede gegen gurbetçiler auf Twitter ist aufgrund fehlender Datentransparenz schwierig, doch die vorhandenen Indizien zeigen ein ernst zu nehmendes Phänomen. Studien belegen, dass Twitter ein zentraler Schauplatz für Hassrede in der Türkei ist[3][4]. Nachrichtenportale dokumentieren, wie jedes Jahr während der Urlaubssaison diskriminierende Hashtags gegen gurbetçiler viral gehen und ihnen Unfälle oder Seuchen gewünscht werden[11]. Der Hass speist sich aus ökonomischem Neid, politischer Polarisierung und dem Gefühl, dass die Diaspora nicht mehr „eine von uns“ sei. Gleichzeitig wird übersehen, dass die rund sieben Millionen Auslands­türken jedes Jahr Milliarden an Devisen ins Land bringen und in türkischen Banken etwa 40 Milliarden Euro angespart haben[16].

Die Reaktion der Betroffenen – von Strafanzeigen bis hin zu Aufklärungskampagnen – verdeutlicht, dass sich die Diaspora nicht länger gefallen lassen will, als Sündenbock für gesellschaftliche Probleme zu dienen. Eine nachhaltige Lösung wird nicht auf Twitter entstehen; sie erfordert eine ehrliche gesellschaftliche Debatte über die wirtschaftlichen Erwartungen an die Diaspora, eine klare Abgrenzung zu Hassrede und mehr interkulturelle Empathie. Letztlich könnte die Überwindung des „gurbetçi‑Hasses“ eine Chance bieten, die Kluft zwischen Heimat und Diaspora zu überbrücken und das Ideal der modernen, offenen Gesellschaft realer werden zu lassen.


[1] [10] [14] [15] [16] [17] Gurbetçilere Yönelik Tepkiler Yeniden Gündemde: Sosyal Medyada Artan Nefret Dalgası – Turkinfo

[2] [6] [11] [12] [18] Gurbetçilere Yönelik Sosyal Medyada Nefret Söylemleri Tepki Çekti

[3] [7] [19] Twitter’da ve Çevrimiçi Bir Gazetede Yer Alan Nefret Söylemlerinin Karşılaştırılması: Suriyeli Mülteciler Örneği

[4] [8] [9] İki Seçim Arasında: Twitter’da Nefret Söylemi Z Raporu – Hrant Dink Vakfı

[5] [13] AVRUPA’DAKİ GURBETÇİLER İLE ANAVATAN TÜRKİYE’DE YAŞAYAN İNSANIMIZIN ARASINDAKİ VAR OLAN GERİLİM ÜZERİNE DEĞERLENDİRMELER – 1

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