Anhang
Bilanz-Programm
für Begehrensmaschinen1
- – Relative Unterschiede der Begehrensmaschinen gegenüber den Gadgets – gegenüber den Fantasmen oder imaginären projektiven Systemen – gegenüber den Werkzeugen oder realen projektiven Systemen – gegenüber den perversen Maschinen, die uns dennoch auf den Weg der Begehrensmaschinen bringen.
Die Begehrensmaschinen haben nichts zu tun mit Gadgets oder kleinen Erfindungen à la Concours Lépine, noch mit Fantasmen. Oder vielmehr haben sie damit zu tun, aber im umgekehrten Sinn, weil die Gadgets, die Einfälle und die Fantasmen Residuen von Begehrensmaschinen sind, die spezifischen Gesetzen des äußeren Marktes des Kapitalismus oder des inneren Marktes der Psychoanalyse unterworfen sind (es gehört zum psychoanalytischen ‘Vertrag’, die Erlebniszustände des Patienten zu reduzieren, sie in Fantasmen zu übersetzen). Die Begehrensmaschinen lassen sich weder auf die Anpassung realer Maschinen oder von Fragmenten realer Maschinen an ein symbolisches Funktionieren zurückführen, noch auf den Traum von fantastischen Maschinen mit imaginärem Funktionieren. Im einen wie im anderen Fall wird ein Produktionselement in einen Mechanismus individueller Konsumtion überführt (die Fantasmen als psychische Konsumtion oder psychoanalytisches Stillen). Es versteht sich von selbst, dass sich die Psychoanalyse in den Gadgets und in den Fantasmen wohlfühlt, da sie dort all ihre kastrierenden ödipalen Obsessionen entfalten kann. Aber das sagt uns nichts Wichtiges über die Maschine und ihr Verhältnis zum Begehren.
Die künstlerische und literarische Imagination entwirft zahlreiche absurde Maschinen: sei es durch Unbestimmtheit des Motors oder der Energiequelle, sei es durch die physische Unmöglichkeit der Organisation der arbeitenden Teile, sei es durch die logische Unmöglichkeit des Übertragungsmechanismus. Zum Beispiel weist der Dancer-Danger von Man Ray, mit dem Untertitel ‘die Unmöglichkeit’, zwei Grade des Absurden auf: Die Gruppen von Zahnrädern können nicht funktionieren, ebenso wenig wie das große Übertragungsrad. Soweit diese Maschine das Kreisen eines spanischen Tänzers darstellen soll, kann man sagen: Sie übersetzt mechanisch, durch das Absurde, die Unmöglichkeit für eine Maschine, eine solche Bewegung selbst auszuführen (der Tänzer ist keine Maschine). Man kann aber auch sagen: Dort muss es einen Tänzer als Maschinenteil geben; dieses Maschinenteil kann nur ein Tänzer sein; hier ist die Maschine, deren Teil der Tänzer ist. Es geht nicht mehr darum, Mensch und Maschine einander gegenüberzustellen, um Entsprechungen, Verlängerungen, mögliche oder unmögliche Ersetzungen des einen durch das andere zu bewerten, sondern beide miteinander kommunizieren zu lassen, um zu zeigen, wie der Mensch als Teil mit der Maschine zusammen Teil ist, oder als Teil mit etwas anderem zusammen Teil ist, um eine Maschine zu bilden. Das Andere kann ein Werkzeug sein, oder sogar ein Tier, oder andere Menschen. Dennoch spricht man nicht metaphorisch von Maschine: Der Mensch wird zur Maschine, sobald dieser Charakter durch Rekurrenz an das Ganze, dem er angehört, unter genau bestimmten Bedingungen kommuniziert wird. Das Ensemble Mensch-Pferd-Bogen bildet unter den Bedingungen der Steppe eine nomadische Kriegsmaschine. Die Menschen bilden unter den bürokratischen Bedingungen der großen Imperien eine Arbeitsmaschine. Der griechische Fußsoldat wird unter den Bedingungen der Phalanx mit seinen Waffen zur Maschine. Der Tänzer wird unter den gefährlichen Bedingungen von Liebe und Tod mit der Tanzfläche zur Maschine… Wir gehen nicht von einem metaphorischen Gebrauch des Wortes Maschine aus, sondern von einer (verworrenen) Hypothese über den Ursprung: die Art und Weise, wie irgendwelche Elemente dazu bestimmt werden, durch Rekurrenz und Kommunikation Maschine zu werden; die Existenz eines ‘maschinischen Phylums’. Die Ergonomie nähert sich diesem Standpunkt, wenn sie das allgemeine Problem nicht mehr in Begriffen der Anpassung oder Ersetzung stellt – Anpassung des Menschen an die Maschine und der Maschine an den Menschen –, sondern in Begriffen der rekurrenten Kommunikation in Mensch-Maschine-Systemen. Es ist wahr, dass sie in dem Moment, in dem sie glaubt, sich so an einen rein technologischen Zugang zu halten, die Probleme von Macht, Unterdrückung, Revolution und Begehren aufwirft, mit einer unwillkürlichen Kraft, die unendlich viel größer ist als in den adaptativen Zugängen.
Man Ray, Dancer/Danger (L’impossibilité.)
Es gibt ein klassisches, vom Werkzeug inspiriertes Schema: das Werkzeug als Verlängerung und Projektion des Lebendigen, die Operation, durch die sich der Mensch allmählich herauslöst, die Entwicklung vom Werkzeug zur Maschine, die Umkehr, in der die Maschine zunehmend unabhängiger vom Menschen wird… Aber dieses Schema hat viele Nachteile. Es gibt uns kein Mittel, die Realität der Begehrensmaschinen zu erfassen und ihre Präsenz entlang dieses ganzen Weges. Es ist ein biologisches und evolutionäres Schema, das die Maschine als zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer mechanischen Linie auftretend bestimmt, die mit dem Werkzeug beginnt. Es ist humanistisch und abstrakt, isoliert die Produktivkräfte von den sozialen Bedingungen ihrer Ausübung, beruft sich auf eine gemeinsame Mensch-Natur-Dimension für alle sozialen Formen, denen man so Evolutionverhältnisse zuschreibt. Es ist imaginär, phantasmatisch, solipsistisch, selbst wenn es auf reale Werkzeuge, auf reale Maschinen angewandt wird, da es vollständig auf der Hypothese der Projektion beruht (Roheim zum Beispiel, der dieses Schema übernimmt, zeigt gut die Analogie der physischen Projektion der Werkzeuge und der psychischen Projektion der Fantasmen).2 Wir glauben im Gegenteil, dass man von Anfang an den Unterschied der Natur zwischen Werkzeug und Maschine setzen muss: das eine als Kontaktagent, das andere als Kommunikationsfaktor; das eine als projektiv, das andere als rekurrent; das eine auf das Mögliche und Unmögliche bezogen, das andere auf die Wahrscheinlichkeit eines weniger Wahrscheinlichen; das eine operierend durch funktionale Synthese eines Ganzen, das andere durch reale Unterscheidung in einem Ensemble. Als Teil mit etwas zusammen Teil sein ist etwas ganz anderes als sich zu verlängern oder zu projizieren oder sich ersetzen zu lassen (Fälle, in denen es keine Kommunikation gibt). Pierre Auger zeigt, dass es Maschine gibt, sobald es Kommunikation zweier wirklich unterschiedener Teile der Außenwelt in einem möglichen, wenngleich weniger wahrscheinlichen System gibt.3 Ein und dieselbe Sache kann Werkzeug oder Maschine sein, je nachdem, ob das ‘maschinische Phylum’ sie ergreift oder nicht, ob es durch sie hindurchgeht oder nicht: die hoplitischen Waffen existieren als Werkzeuge seit hohem Altertum, werden aber zu Teilen einer Maschine, zusammen mit den Menschen, die sie führen, unter den Bedingungen der Phalanx und der griechischen Polis. Wenn man das Werkzeug dem Menschen zuordnet, gemäß dem traditionellen Schema, nimmt man sich jede Möglichkeit, zu verstehen, wie der Mensch und das Werkzeug zu unterschiedlichen Maschinenteilen werden oder bereits Maschinenteile sind, in Bezug auf eine tatsächlich maschinisierende Instanz. Und wir glauben auch, dass es immer Maschinen gibt, die den Werkzeugen vorausgehen, immer Phyla, die zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmen, welche Werkzeuge, welche Menschen als Maschinenteile in das betrachtete soziale System eintreten.
Die Begehrensmaschinen sind weder imaginäre Projektionen in Form von Fantasmen, noch reale Projektionen in Form von Werkzeugen. Das ganze System der Projektionen leitet sich von den Maschinen ab und nicht umgekehrt. Wird man dann die Begehrensmaschine durch eine Art Introjektion definieren, durch eine bestimmte perverse Nutzung der Maschine? Nehmen wir das geheime Beispiel des Netzwerks: indem man eine nicht zugeteilte Telefonnummer anruft, die an einen Anrufbeantworter angeschlossen ist (‘diese Nummer ist nicht zugeteilt…’), kann man die Überlagerung eines Ensembles wimmelnder Stimmen hören, die einander rufen oder einander antworten, die sich kreuzen, sich verlieren, über dem, unter dem, im Inneren des Anrufbeantworters vorbeigehen, sehr kurze Nachrichten, Äußerungen nach schnellen und monotonen Codes. Da ist der Tiger, man sagt sogar, dass es einen Ödipus im Netzwerk gibt; Jungen rufen Mädchen an, Jungen rufen Jungen an. Man erkennt leicht die Form selbst künstlicher perverser Gesellschaften oder einer Gesellschaft von Unbekannten: ein Prozess der Reterritorialisierung schließt sich an eine Bewegung der Deterritorialisierung an, die durch die Maschine gewährleistet wird (private Gruppen von Radiosendern weisen dieselbe perverse Struktur auf). Es ist sicher, dass die öffentlichen Institutionen keinerlei Nachteil in diesen sekundären Vorteilen einer privaten Nutzung der Maschine sehen, in Phänomenen des Saums oder der Interferenz. Aber zugleich gibt es da etwas mehr als eine bloße perverse Subjektivität, selbst als Gruppensubjektivität. So sehr das normale Telefon eine Kommunikationsmaschine sein mag, es funktioniert als Werkzeug, solange es dazu dient, Stimmen zu projizieren oder zu verlängern, die als solche nicht Teil der Maschine sind. Aber hier erreicht die Kommunikation einen höheren Grad, insofern die Stimmen als Teil mit der Maschine zusammen Teil sind, zu Teilen der Maschine werden, die vom Anrufbeantworter auf zufällige Weise verteilt und ‘durchlüftet’ werden. Das weniger Wahrscheinliche wird auf dem Hintergrund der Entropie des Ensembles der Stimmen konstruiert, die sich gegenseitig aufheben. Von diesem Standpunkt aus gibt es nicht nur perverse Nutzung oder Anpassung einer technischen sozialen Maschine, sondern Überlagerung einer wirklichen objektiven Begehrensmaschine, Konstruktion einer Begehrensmaschine innerhalb der technischen sozialen Maschine. Es kann sein, dass die Begehrensmaschinen so in den künstlichen Rändern einer Gesellschaft entstehen, obwohl sie sich ganz anders entwickeln und nicht den Formen ihrer Geburt ähneln.
Jean Nadal schreibt, dieses Phänomen des Netzwerks kommentierend: ‘Das ist, glaube ich, die gelungenste und vollständigste Begehrensmaschine, die ich kenne. Sie enthält alles: das Begehren funktioniert dort frei, auf dem erotischen Faktor der Stimme als Partialobjekt, im Zufall und in der Vielheit, und schließt sich an einen Fluss an, der das Ganze eines sozialen Kommunikationsfeldes durchstrahlt, durch die unbegrenzte Ausdehnung eines Delirs oder einer Drift.’ Der Kommentator hat nicht ganz recht: Es gibt bessere Begehrensmaschinen und vollständigere. Aber perverse Maschinen im Allgemeinen haben den Vorteil, uns eine ständige Oszillation zu präsentieren zwischen einer subjektiven Anpassung, einer Zweckentfremdung einer technischen sozialen Maschine, und der objektiven Einsetzung einer Begehrensmaschine – noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt… In einem der schönsten Texte, die über den Masochismus geschrieben wurden, zeigt Michel de M’Uzan, wie die perversen Maschinen des Masochisten, die Maschinen im eigentlichen Sinne sind, sich nicht in Begriffen des Fantasmas oder der Imagination verstehen lassen, ebenso wenig wie sie sich aus Ödipus oder der Kastration auf dem Weg der Projektion erklären: es gibt kein Fantasma, sagt er, sondern, was etwas ganz anderes ist, eine Programmierung, ‘wesentlich strukturiert außerhalb der ödipalen Problematik’ (endlich ein wenig frische Luft in der Psychoanalyse, ein wenig Verständnis für die Perversen).4
- – Begehrensmaschine und ödipaler Apparat: die Rekurrenz gegen die Repression-Regression.
Die Begehrensmaschinen konstituieren das nicht-ödipale Leben des Unbewussten. Ödipus, Gadget oder Fantasma. Picabia nannte im Gegensatz dazu die Maschine ‘Tochter, ohne Mutter geboren’. Buster Keaton zeigte sein Maschinen-Haus, dessen alle Zimmer in einem sind, als ein Haus ohne Mutter: alles geschieht dort durch Begehrensmaschinen, das Essen der Junggesellen (Die Vogelscheuche, 1920). Muss man verstehen, dass die Maschine nur einen Vater hat, und dass sie wie Athena, ganz gerüstet, aus einem virilen Gehirn geboren wird? Es braucht viel guten Willen, um mit René Girard zu glauben, dass der Paternalismus genügt, um uns aus Ödipus herauszuführen, und dass die ‘mimetische Rivalität’ wirklich das Andere des Komplexes ist. Die Psychoanalyse hat nicht aufgehört, das zu tun: Ödipus zu zersplittern oder zu vervielfachen, oder ihn zu teilen, ihn sich selbst entgegenzusetzen, oder ihn zu sublimieren, ihn zu überdimensionieren, ihn zum Signifikanten zu erheben. Ein Prä-Ödipales, ein Post-Ödipales, einen symbolischen Ödipus zu entdecken, die uns nicht mehr aus der Familie herausführen als das Eichhörnchen aus seinem Rad. Man sagt uns: Aber seht doch, Ödipus hat nichts mit Papa-Mama zu tun, es ist der Signifikant, es ist der Name, es ist die Kultur, es ist die Endlichkeit, es ist der Seinsmangel, der das Leben ist, es ist die Kastration, es ist die Gewalt in Person… Lachen wir. Man setzt nur die alte Aufgabe fort, indem man alle Verbindungen des Begehrens kappt, um es umso besser auf erhabene imaginäre, symbolische, linguistische, ontologische, epistemologische Papa-Mamas zurückzubiegen. In Wahrheit haben wir nicht ein Viertel und nicht ein Hundertstel dessen gesagt, was gegen die Psychoanalyse zu sagen wäre, gegen ihren Ressentiment gegenüber dem Begehren, ihre Tyrannei und ihre Bürokratie.
Was die Begehrensmaschinen präzise definiert, ist ihre Macht der Verbindung ins Unendliche, in jeder Hinsicht und in alle Richtungen. Eben dadurch sind sie Maschinen, die mehrere Strukturen zugleich durchqueren und beherrschen. Denn die Maschine hat zwei Charaktere oder Kräfte: die Kraft des Kontinuums, das maschinische Phylum, in dem dieses Teil sich mit jenem verbindet, der Zylinder und der Kolben in der Dampfmaschine, oder sogar, nach einer weiter entfernten Keimlinie, das Spinnrad in der Lokomotive; aber auch den Richtungsbruch, die Mutation, derart dass jede Maschine ein absoluter Schnitt ist im Verhältnis zu derjenigen, die sie ersetzt, wie der Gasmotor im Verhältnis zur Dampfmaschine. Zwei Kräfte, die nur eine sind, da die Maschine in sich selbst Schnitt-Fluss ist, wobei der Schnitt stets an die Kontinuität eines Flusses angrenzt, den er von den anderen trennt, indem er ihm einen Code gibt, indem er ihn diese oder jene Elemente mitführen lässt.5 Also ist es nicht zugunsten eines zerebralen Vaters, dass die Maschine ohne Mutter ist, sondern zugunsten eines kollektiven vollen Körpers, der maschinisierenden Instanz, auf der die Maschine ihre Verbindungen installiert und ihre Schnitte ausübt.
Die maschinischen Maler haben darauf insistiert: dass sie nicht Maschinen malten als Substitute für Stillleben oder Akte; die Maschine ist nicht mehr ein dargestelltes Objekt als ihre Zeichnung eine Darstellung ist. Es geht darum, ein Maschinenelement so einzuführen, dass es als Teil mit etwas anderem zusammen Teil ist auf dem vollen Körper der Leinwand, und sei es mit dem Bild selbst, damit gerade das Ensemble des Bildes als Begehrensmaschine funktioniert. Die induzierte Maschine ist immer eine andere als diejenige, die dargestellt zu sein scheint: wir werden sehen, dass die Maschine durch ein solches ‘Ausklinken’ verfährt und so die eigentlich maschinische Deterritorialisierung gewährleistet. Induktiver Wert der Maschine, oder vielmehr transduktiver, der die Rekurrenz definiert und sich der Repräsentation-Projektion entgegensetzt: maschinische Rekurrenz gegen ödipale Projektion, das ist der Ort eines Kampfes, einer Disjunktion, wie man es in der Aeroplap(l)a oder der Automoma sieht, oder auch in der Machine à connaître en forme Mère von Victor Brauner.6 Bei Picabia ist die Reinzeichnung als Teil mit der heterokliten Inschrift zusammen Teil, so dass sie mit diesem Code, mit diesem Programm funktionieren muss, indem sie eine Maschine induziert, die ihr nicht ähnelt. Bei Duchamp wird das reale Maschinenelement direkt eingeführt, gilt für sich selbst oder durch seinen Schatten, oder durch einen Zufallsmechanismus, der dann die verbleibenden Darstellungen dazu bringt, Rolle und Status zu ändern: Tu m’. Die Maschine unterscheidet sich von jeder Darstellung (obwohl man sie immer darstellen, kopieren kann, in einer Weise, die im Übrigen keinerlei Interesse bietet), und sie unterscheidet sich davon, weil sie reine Abstraktion ist, nicht-figürlich und nicht-projektiv. Léger hat gut gezeigt, dass die Maschine nichts darstellte, am wenigsten sich selbst, weil sie in sich selbst Produktion organisierter intensiver Zustände war: weder Form noch Ausdehnung, weder Darstellung noch Projektion, sondern reine und rekurrente Intensitäten. Mal führt, wie bei Picabia, die Entdeckung des Abstrakten zu den maschinischen Elementen, mal der umgekehrte Weg, wie bei vielen Futuristen. Denken wir an die alte Unterscheidung der Philosophen zwischen repräsentativen Zuständen und affektiven Zuständen, die nichts repräsentieren: die Maschine, das ist der affektive Zustand, und es ist falsch zu sagen, die modernen Maschinen hätten eine Wahrnehmung, ein Gedächtnis, die Maschinen selbst haben nur affektive Zustände.
Wenn wir die Begehrensmaschinen Ödipus entgegenstellen, wollen wir nicht sagen, das Unbewusste sei mechanisch (die Maschinen sind vielmehr das Meta-Mechanische), noch dass Ödipus nichts sei. Zu viele Kräfte und zu viele Leute hängen an Ödipus, zu viele Interessen stehen auf dem Spiel: ohne Ödipus gäbe es zunächst keinen Narzissmus. Ödipus wird noch viele Klagen und Piepslaute hervorbringen. Er wird Forschungen beleben, die immer irrealer werden. Er wird weiterhin Träume und Fantasmen speisen. Ödipus ist ein Vektor: 4, 3, 2, 1, 0… Vier ist der berühmte vierte symbolische Term, 3 ist die Triangulation, 2 sind die dualen Bilder, 1 ist der Narzissmus, 0 der Todestrieb. Ödipus ist die Entropie der Begehrensmaschine, ihre Tendenz zur äußeren Abschaffung. Er ist das Bild oder die Darstellung, die in die Maschine hineingleitet, das Klischee, das die Verbindungen stoppt, die Flüsse austrocknet, den Tod in das Begehren setzt und an die Stelle der Schnitte eine Art Pflaster setzt – es ist die Unterbrecherin (die Psychoanalytiker als Saboteure des Begehrens). An die Unterscheidung des manifesten Inhalts und des latenten Inhalts, an die Unterscheidung des Verdrängenden und des Verdrängten müssen wir die beiden Pole des Unbewussten setzen: die schizo-begehrende Maschine und den ödipalen paranoischen Apparat, die Verbinder des Begehrens und die Unterdrücker. Ja, Ödipus, davon werdet ihr so viel finden, wie ihr wollt, so viel ihr hineinlegt, um die Maschinen zum Schweigen zu bringen (notwendig, da Ödipus zugleich das Verdrängende und das Verdrängte ist, das heißt das Bild-Klischee, das das Begehren stoppt, und das sich seiner annimmt, das es als gestoppt repräsentiert. Ein Bild kann man nur sehen… Es ist der Kompromiss, aber der Kompromiss verzerrt nicht weniger beide Teile, nämlich die Natur des reaktionären Unterdrückers und die Natur des revolutionären Begehrens. Im Kompromiss sind beide Teile auf dieselbe Seite geraten, im Gegensatz zum Begehren, das auf der anderen Seite bleibt, außerhalb des Kompromisses).
In zwei Büchern über Jules Verne traf Moré nacheinander auf zwei Themen, die er einfach als verschieden darstellte: das ödipale Problem, das Jules Verne sowohl als Vater wie als Sohn erlebte, das Problem der Maschine als Zerstörung des Ödipus und als Substitut der Frau.7 Aber das Problem der Begehrensmaschine in ihrem wesentlich erotischen Charakter besteht keineswegs darin, zu wissen, ob je eine Maschine ‘die perfekte Illusion der Frau’ geben kann. Es ist im Gegenteil: In welche Maschine setzt man die Frau, in welche Maschine setzt sich eine Frau, um zum nicht-ödipalen Objekt des Begehrens zu werden, das heißt zum nicht-menschlichen Sex? In allen Begehrensmaschinen besteht die Sexualität nicht in einem imaginären Paar Frau-Maschine als Substitut von Ödipus, sondern im Paar Maschine-Begehren als reale Produktion einer Tochter, ohne Mutter geboren, einer nicht-ödipalen Frau (die weder für sich selbst noch für die anderen ödipal wäre). Dem Roman im Allgemeinen eine ödipale Quelle zuzuschreiben, – nichts deutet darauf hin, dass die Leute dieses so erfreuliche narzisstische, psychokritische Exercitium leid wären, Bastarde, Findelkinder. Man muss sagen, dass die größten Autoren diese Äquivokation begünstigen, gerade weil Ödipus das Falschgeld der Literatur ist oder, was auf dasselbe hinausläuft, ihr wahrer Marktwert. Aber in dem Moment selbst, wo sie in Ödipus versenkt scheinen, ewiges Mutter-Jammern, ewige Vater-Diskussion, sind sie in Wirklichkeit in ein ganz anderes, verwaistes Unternehmen eingetreten, bauen eine infernalische Begehrensmaschine auf, setzen das Begehren in Beziehung zu einer libidinösen Welt von Verbindungen und Schnitten, von Flüssen und Schizen, die das nicht-menschliche Element des Sexes ausmachen, und worin jede Sache als Teil mit dem ‘Begehrensmotor’ zusammen Teil ist, mit einem ‘lüsternen Getriebe’, durchquerend, vermischend, umstürzend Strukturen und Ordnungen, mineralisch, vegetabil, animalisch, kindlich, sozial, jedes Mal die lächerlichen Figuren des Ödipus auflösend, einen Prozess der Deterritorialisierung immer weiter vorantreibend. Denn nicht einmal die Kindheit ist ödipal; sie ist es überhaupt nicht, sie hat nicht die Möglichkeit, es zu sein. Ödipal ist die abjekte Kindheitserinnerung, der Schirm. Und schließlich ist die beste Weise, in der ein Autor die Nichtigkeit und Leere des Ödipus bekundet, wenn es ihm gelingt, in sein Werk wirkliche rekurrente Blöcke von Kindheit einzuspritzen, die die Begehrensmaschinen wieder in Gang setzen, im Gegensatz zu den alten Fotos, den Schirm-Erinnerungen, die die Maschine sättigen und aus dem Kind ein regressives Fantasma für den Gebrauch der kleinen Alten machen.
Man sieht es gut bei Kafka, dem bevorzugten Beispiel, der ödipischen Erde par excellence: gerade dort, und gerade dort vor allem, ist der ödipische Pol, den Kafka vor der Nase des Lesers schwenkt und hochhält, die Maske eines unterirdischeren Unternehmens, der nicht-menschlichen Einsetzung einer ganz neuen literarischen Maschine, im eigentlichen Sinn einer Maschine, Briefe zu machen und die allzu menschliche Liebe zu entödipisieren, und die das Begehren an die Vorahnung einer perversen bürokratischen und technokratischen Maschine anschließt, einer bereits faschistischen Maschine, in der die Namen der Familie ihre Konsistenz verlieren, um sich zu öffnen auf das bunte österreichische Reich der Schloss-Maschine, auf die Lage der Juden ohne Identität, auf Russland, auf Amerika, China, auf Kontinente, die weit jenseits der Personen und der Namen des Familialismus liegen. Man kann das Analoge in Bezug auf Proust zeigen: die zwei großen Ödipier, Proust und Kafka, sind Ödipier zum Lachen, und diejenigen, die Ödipus ernst nehmen, können immer noch ihre Romane oder ihre todtraurigen Kommentare auf sie aufpfropfen. Denn ratet, was sie verlieren: das Komische des Übermenschlichen, das schizoide Lachen, das Proust oder Kafka hinter der ödipischen Grimasse erschüttert – das Werden-Spinne oder das Werden-Käfer.
In einem jüngeren Text entwickelt Roger Dadoun das Prinzip zweier Pole des Traums: Traum-Programm, Traum-Maschine oder Maschinerie, Traum-Fabrik, wo das Wesentliche die begehrende Produktion ist, das maschinische Funktionieren, das Herstellen von Verbindungen, die Fluchtpunkte oder Deterritorialisierungen der Libido, die sich in das nicht-menschliche molekulare Element stürzt, der Durchgang von Flüssen, die Injektion von Intensitäten – und dann der ödipische Pol, der Traum-Theater, der Traum-Schirm, der nur noch Gegenstand molarer Interpretation ist, und wo der Bericht des Traums bereits über den Traum selbst gesiegt hat, die visuellen und verbalen Bilder über die informellen oder materiellen Sequenzen.8 Dadoun zeigt, wie Freud mit Die Traumdeutung eine Richtung aufgibt, die zur Zeit der Entwurfs noch möglich war, und damit die Psychoanalyse in die Sackgassen führt, die sie zu Bedingungen ihrer Ausübung erheben wird. Man findet bereits bei Ghérasim Luca und bei Trost, seltsam verkannten Autoren, eine anti-ödipische Konzeption des Traums, die uns sehr schön scheint. Trost wirft Freud vor, den manifesten Inhalt des Traums zugunsten einer Ödipus-Uniformität vernachlässigt zu haben, den Traum als Kommunikationsmaschine mit der Außenwelt verfehlt zu haben, den Traum an die Erinnerung statt an das Delirium geschweißt zu haben, eine Kompromisstheorie errichtet zu haben, die dem Traum wie dem Symptom ihre immanente revolutionäre Tragweite nimmt. Er prangert das Wirken der Unterdrücker oder Regressoren als Vertreter der ‘reaktionären sozialen Elemente’ an, die sich in den Traum einschleichen, begünstigt durch die aus dem Vorbewussten kommenden Assoziationen und durch die aus dem Tagesleben stammenden Schirm-Erinnerungen. Doch diese Assoziationen gehören ebenso wenig wie diese Erinnerungen dem Traum an; gerade deshalb ist der Traum gezwungen, sie symbolisch zu behandeln. Daran zweifeln wir nicht: Ödipus existiert, die Assoziationen sind immer ödipisch, aber gerade weil der Mechanismus, von dem sie abhängen, derselbe ist wie derjenige von Ödipus. Um also das Denken des Traums wiederzufinden, das eins ist mit dem Denken am Tage, insofern beide das Wirken unterschiedlicher Unterdrücker erleiden, muss man gerade die Assoziationen zerbrechen: Trost schlägt dazu eine Art Cut-up à la Burroughs vor, das darin besteht, ein Traumfragment in Beziehung zu irgendeiner Passage aus einem Handbuch der Sexualpathologie zu setzen. Ein Schnitt, der den Traum wieder belebt und intensiviert, statt ihn zu interpretieren, der dem maschinischen Phylum des Traums neue Verbindungen liefert: man riskiert nichts, denn kraft unserer polymorphen Perversion wird die zufällig gewählte Passage immer mit dem Traumfragment Maschine machen. Und ohne Zweifel bilden sich die Assoziationen wieder, schließen sich wieder zwischen den beiden Teilen, aber man musste den Moment nutzen, so kurz er auch sei, der Dissoziation, um das Begehren in seinem nicht-biographischen und nicht-memorialen Charakter hervortreten zu lassen, jenseits oder diesseits seiner ödipischen Prädeterminationen. Und genau diese Richtung weisen Trost oder Luca in prachtvollen Texten: ein Unbewusstes der Revolution freizulegen, gespannt auf ein Sein, eine nicht-ödipische Frau und einen nicht-ödipischen Mann, das ‘frei mechanische’ Sein, ‘Projektion einer menschlichen Gruppe, die noch zu entdecken bleibt’, deren Geheimnis das eines Funktionierens und nicht das einer Interpretation ist, ‘ganz weltliche Intensität des Begehrens’ (nie hat man den autoritären und frommen Charakter der Psychoanalyse so gut angeprangert).9 Ist das höchste Ziel des M.L.F. nicht in diesem Sinn die maschinische und revolutionäre Konstruktion der nicht-ödipischen Frau, statt der ungeordneten Verherrlichung des Bemutterns und der Kastration?
Kehren wir zurück zur Notwendigkeit, die Assoziationen zu zerbrechen: die Dissoziation nicht nur als Charakter der Schizophrenie, sondern als Prinzip der Schizo-Analyse. Was für die Psychoanalyse das größte Hindernis ist, die Unmöglichkeit, Assoziationen herzustellen, ist im Gegenteil die Bedingung der Schizo-Analyse – das heißt das Zeichen, dass wir endlich zu Elementen gelangt sind, die in ein funktionales Ensemble des Unbewussten als Begehrensmaschine eintreten. Es ist nicht erstaunlich, dass die sogenannte Methode der freien Assoziation uns ständig zu Ödipus zurückführt; sie ist dafür gemacht. Denn weit davon entfernt, eine Spontaneität zu bezeugen, setzt sie eine Anwendung, ein Zurückbiegen voraus, das einem beliebigen Ausgangsensemble ein künstliches oder memoriales Ankunftsensemble entsprechen lässt, im Voraus bestimmt und symbolisch als ödipisch. In Wahrheit haben wir noch nichts getan, solange wir nicht Elemente erreicht haben, die nicht assoziierbar sind, oder solange wir die Elemente nicht in einer Form erfasst haben, in der sie nicht mehr assoziierbar sind. Serge Leclaire geht einen entscheidenden Schritt, wenn er ein Problem vorstellt, das, wie er sagt, ‘alles uns dazu drängt, nicht frontal zu betrachten… es geht im Grunde darum, ein System zu entwerfen, dessen Elemente untereinander gerade durch die Abwesenheit jeder Verbindung verbunden sind, und ich verstehe darunter jede natürliche, logische oder signifikative Verbindung’, ‘ein Ensemble reiner Singularitäten’.10 Doch bemüht, in den engen Grenzen der Psychoanalyse zu bleiben, macht er den Schritt, den er gerade getan hat, in umgekehrtem Sinn wieder rückgängig: er stellt das gelöste Ensemble als Fiktion dar, seine Manifestationen als Epiphanien, die sich in ein neues restrukturiertes Ensemble einschreiben müssen, sei es auch nur durch die Einheit des Phallus als Signifikant der Abwesenheit. Dabei war es gerade das Hervortreten der Begehrensmaschine, wodurch sie sich sowohl von den psychischen Verknüpfungen des ödipischen Apparats unterscheidet als auch von den mechanischen oder strukturalen Verknüpfungen der sozialen und technischen Maschinen: ein Ensemble von wirklich unterschiedenen Teilen, die zusammen funktionieren, insofern sie wirklich unterschieden sind (verbunden durch die Abwesenheit von Verbindung). Solche Annäherungen an Begehrensmaschinen werden nicht durch die surrealistischen Objekte gegeben, theatrale Epiphanien oder ödipische Gadgets, die nur funktionieren, indem sie Assoziationen wieder einführen – tatsächlich war der Surrealismus ein weites Unternehmen der Ödipisierung der vorhergehenden Bewegungen. Aber man wird sie eher in bestimmten dadaistischen Maschinen finden, in den Zeichnungen von Rube Goldberg oder heute in den Maschinen von Tinguely: wie erhält man ein funktionales Ensemble, während man alle Assoziationen zerbricht? (Was bedeutet ‘verbunden durch die Abwesenheit von Verbindung’?)
Die Kunst der realen Unterscheidung bei Tinguely wird durch eine Art Ausklinken als Verfahren der Rekurrenz gewonnen. Eine Maschine setzt mehrere Strukturen zugleich in Spiel, die sie durchquert; die erste Struktur umfasst mindestens ein Element, das in Bezug auf sie nicht funktional ist, sondern nur in der zweiten. Dieses Spiel, das Tinguely als wesentlich heiter darstellt, sichert den Deterritorialisierungsprozess der Maschine und die Position des Mechanikers als des am meisten deterritorialisierten Teils. Die Großmutter, die im Auto unter dem erstaunten Blick des Kindes in die Pedale tritt – eines nicht-ödipischen Kindes, dessen Auge selbst Teil der Maschine ist – bringt das Fahrzeug nicht voran, sondern betätigt durch das Treten die zweite Struktur, die Holz sägt. Andere Rekurrenzverfahren können eingreifen oder sich hinzufügen, wie das Einhüllen der Teile in eine Vielheit (so die Maschinen-Stadt, eine Stadt, deren alle Häuser in einem Haus sind, oder die Maschinen-Haus von Buster Keaton, deren alle Zimmer in einem Zimmer sind). Oder die Rekurrenz kann in einer Reihe realisiert werden, die die Maschine in wesentliche Beziehung zu Abfällen und Residuen setzt, sei es dass sie systematisch ihr eigenes Objekt zerstört wie die Rotozaza von Tinguely, sei es dass sie selbst die verlorenen Intensitäten oder Energien einfängt wie im Transformator-Projekt von Duchamp, sei es dass sie sich selbst aus Abfällen zusammensetzt wie das Junk Art von Stankiewicz oder der Merz und die Maschinen-Haus von Schwitters, sei es schließlich dass sie sich selbst sabotiert oder selbst zerstört, und dass ‘ihre Konstruktion und der Beginn ihrer Zerstörung ununterscheidbar sind’: in all diesen Fällen (zu denen man die Droge als Begehrensmaschine, die Junkie-Maschine hinzufügen müsste) erscheint ein eigentlich maschinischer Todestrieb, der sich dem ödipischen regressiven Tod, der psychoanalytischen Euthanasie, entgegenstellt. Und in Wahrheit gibt es keine dieser Begehrensmaschinen, die nicht tief entödipisierend wäre.
Oder aber es sind zufällige Beziehungen, die diese Verbindung ohne Verbindung der wirklich unterschiedenen Elemente als solcher oder ihrer autonomen Strukturen sichern, gemäß einem Vektor, der von der mechanischen Unordnung zum weniger Wahrscheinlichen geht und den man ‘verrückter Vektor’ nennen wird. Das heißt die Bedeutung hier der Theorien von Vendryes, die erlauben, die Begehrensmaschinen durch das Vorhandensein solcher zufälligen Beziehungen in der Maschine selbst zu definieren, und als Bewegungen brownoider Art vom Typ Spaziergang oder Anmache produzierend.11 Und genau durch die Realisierung zufälliger Beziehungen sichern auch die Zeichnungen von Goldberg ihrerseits die Funktionalität der wirklich unterschiedenen Elemente, mit derselben Freude wie bei Tinguely, Schizo-Lachen: es geht darum, an die Stelle eines einfachen memorialen Kreislaufs oder eines sozialen Kreislaufs ein Ensemble zu setzen, das als Begehrensmaschine auf verrücktem Vektor funktioniert (im ersten Beispiel, ‘Damit man nicht vergisst, einen Brief an seine Frau zu schicken’, durchquert und programmiert die Begehrensmaschine die drei automatisierten Strukturen von Sport, Gartenarbeit und Vogelkäfig; im zweiten Beispiel, Simple Reducing Machine, werden die Anstrengung des Wolga-Schleppers, die Entlastung des Bauches des essenden Milliardärs, der Sturz des Boxers im Ring und der Sprung des Kaninchens durch die Scheibe programmiert, insofern sie das weniger Wahrscheinliche oder die Gleichzeitigkeit von Ausgangs- und Ankunftspunkt definiert).
Rube Goldberg, « Du Dussel, schick den Brief ab. »
Rube Goldberg, Simple Reducing Machine.
Alle diese Maschinen sind reale Maschinen. Hocquenghem hat recht zu sagen: ‘Dort, wo das Begehren wirkt, gibt es keinen Platz mehr für das Imaginäre’ noch für das Symbolische. Alle diese Maschinen sind schon da, wir hören nicht auf, sie zu produzieren, sie herzustellen, sie funktionieren zu lassen, denn sie sind Begehren, Begehren so, wie es ist, – auch wenn es Künstler braucht, um ihre autonome Darstellung zu sichern. Die Begehrensmaschinen sind nicht in unserem Kopf, in unserer Imagination, sie sind in den sozialen und technischen Maschinen selbst. Unser Verhältnis zu den Maschinen ist kein Verhältnis der Erfindung noch der Nachahmung, wir sind weder die zerebralen Väter noch die disziplinierten Söhne der Maschine. Es ist ein Verhältnis der Besiedlung: wir besiedeln die technischen sozialen Maschinen mit Begehrensmaschinen, und wir können nicht anders. Wir müssen zugleich sagen: die technischen sozialen Maschinen sind nur Konglomerate von Begehrensmaschinen unter historisch bestimmten molaren Bedingungen; die Begehrensmaschinen sind soziale und technische Maschinen, die ihren bestimmenden molekularen Bedingungen zurückgegeben sind. Merz von Schwitters ist die letzte Silbe von Komerz. Es ist vergeblich, sich über die Nützlichkeit oder Nicht-Nützlichkeit, die Möglichkeit oder Unmöglichkeit dieser Begehrensmaschinen zu befragen. Die Unmöglichkeit (und auch das selten), die Nicht-Nützlichkeit (und auch das selten) erscheint nur in der autonomen künstlerischen Darstellung. Seht ihr nicht, dass sie möglich sind, weil sie sind; auf jede Weise sind sie da, und wir funktionieren mit ihnen. Sie sind eminent nützlich, denn sie konstituieren in beide Richtungen das Verhältnis zwischen Maschine und Mensch, die Kommunikation der beiden. In dem Moment, wo ihr sagt ‘sie ist unmöglich’, seht ihr nicht, dass ihr sie möglich macht, indem ihr selbst eines dieser Teile seid, gerade das Teil, das euch zu fehlen schien, damit sie schon läuft, der dancer-danger. Ihr diskutiert über Möglichkeit oder Nützlichkeit, aber ihr seid schon in der Maschine, ihr seid Teil davon, ihr habt den Finger, das Auge, den Anus oder die Leber hineingesteckt (aktuelle Version von ‘Ihr seid eingeschifft…’).
Man könnte glauben, dass der Unterschied zwischen den technischen sozialen Maschinen und den Begehrensmaschinen zunächst eine Frage der Größe sei oder der Anpassung, wobei die Begehrensmaschinen kleine Maschinen wären oder große Maschinen, die an kleine Gruppen angepasst sind. Das ist überhaupt kein Gadget-Problem. Die aktuelle technologische Tendenz, die den thermodynamischen Primat durch einen gewissen Primat der Information ersetzt, geht dem Recht nach mit einer Reduktion der Maschinengröße einher. In einem wiederum sehr heiteren Text zeigt Ivan Illich dies: dass große Maschinen Produktionsverhältnisse kapitalistischen oder despotischen Typs implizieren, die Abhängigkeit, Ausbeutung, Ohnmacht von Menschen nach sich ziehen, die auf den Zustand von Konsumenten oder Dienenden reduziert sind. Das kollektive Eigentum an den Produktionsmitteln ändert an diesem Zustand nichts und nährt nur eine stalinistische despotische Organisation. Daher stellt Illich ihm das Recht für jede:n entgegen, die Produktionsmittel zu benutzen, in einer ‘konvivialen Gesellschaft’, das heißt begehrenden und nicht-ödipischen. Das heißt: die extensivste Nutzung der Maschinen durch die größtmögliche Zahl von Menschen, die Vermehrung kleiner Maschinen und die Anpassung großer Maschinen an kleine Einheiten, der ausschließliche Verkauf von Maschinenelementen, die von den Benutzer-Produzenten selbst zusammenzusetzen sind, die Zerstörung der Spezialisierung des Wissens und des beruflichen Monopols. Es ist völlig offensichtlich, dass so verschiedene Dinge wie das Monopol oder die Spezialisierung des größten Teils des medizinischen Wissens, die Kompliziertheit des Automotors, der Gigantismus der Maschinen auf keinerlei technologische Notwendigkeit antworten, sondern nur auf ökonomische und politische Imperative, die sich vornehmen, Macht oder Kontrolle in den Händen einer herrschenden Klasse zu konzentrieren. Es ist nicht davon zu träumen, zur Natur zurückzukehren, wenn man die radikale maschinische Nicht-Nützlichkeit der Autos in den Städten, ihren archaischen Charakter trotz der Gadgets ihrer Darstellung, und die mögliche Modernität des Fahrrads signalisiert, in unseren Städten nicht weniger als im Krieg in Vietnam. Und es ist nicht einmal im Namen relativ einfacher und kleiner Maschinen, dass die begehrende ‘konviviale Revolution’ sich vollziehen muss, sondern im Namen der maschinischen Innovation selbst, die die kapitalistischen oder kommunistischen Gesellschaften mit aller Kraft unterdrücken, gemäß der ökonomischen und politischen Macht.12
Einer der größten Künstler der Begehrensmaschinen, Buster Keaton, hat das Problem einer Anpassung der Massenmaschine zu individuellen Zwecken, zu Zwecken des Paares oder der kleinen Gruppe, in Die Navigator-Kreuzfahrt zu stellen gewusst, wo die beiden Helden ‘eine Haushaltseinrichtung bewältigen müssen, die gewöhnlich von Hunderten von Personen benutzt wird (die Kombüse ist ein Wald von Hebeln, Rollen und Drähten)’.13 Es ist wahr, dass die Themen der Reduktion oder der Anpassung der Maschinen für sich nicht ausreichen und für etwas anderes gelten, wie die Forderung zeigt, dass alle sie benutzen und kontrollieren sollen. Denn der wahre Unterschied zwischen den technischen sozialen Maschinen und den Begehrensmaschinen liegt offensichtlich nicht in der Größe, nicht einmal in den Zwecken, sondern im Regime, das über Größe und Zwecke entscheidet. Es sind dieselben Maschinen, aber es ist nicht dasselbe Regime. Nicht etwa, dass man dem aktuellen Regime, das die Technologie einer Ökonomie und Politik der Unterdrückung beugt, ein Regime entgegenstellen müsste, in dem die Technologie als befreit und befreiend gelten würde. Die Technologie setzt soziale Maschinen und Begehrensmaschinen voraus, ineinander, und hat keinerlei Macht aus sich selbst heraus zu entscheiden, wer die maschinisierende Instanz sein wird, Begehren oder Unterdrückung des Begehrens. Jedes Mal, wenn die Technologie vorgibt, aus sich selbst heraus zu handeln, nimmt sie eine faschistische Färbung an, wie in der Techno-Struktur, weil sie Investitionen nicht nur ökonomische und politische, sondern auch libidinöse impliziert, ganz auf die Unterdrückung des Begehrens gerichtet. Die Unterscheidung der beiden Regime, als das des Anti-Begehrens und das des Begehrens, lässt sich nicht auf die Unterscheidung von Kollektivität und Individuum reduzieren, sondern auf zwei Typen der Massenorganisation, in denen Individuum und Kollektiv nicht in dasselbe Verhältnis eintreten. Zwischen ihnen besteht derselbe Unterschied wie zwischen dem Makrophysikalischen und dem Mikrophysikalischen – wobei gesagt ist, dass die mikrophysikalische Instanz nicht das Elektron-Maschine ist, sondern das molekulare maschinisierende Begehren, ebenso wie die macrophysikalische Instanz nicht das molare technische Objekt ist, sondern die anti-begehrende, anti-produktive molarisierende Sozialstruktur, die gegenwärtig den Gebrauch, die Kontrolle und den Besitz der technischen Objekte bedingt. Im aktuellen Regime unserer Gesellschaften wird die Begehrensmaschine nur als perverse getragen, das heißt am Rand des seriösen Gebrauchs der Maschinen und als uneingestandener sekundärer Nutzen der Benutzer, der Produzenten oder Anti-Produzenten (sexuelle Lust, die ein Richter am Richten hat, ein Bürokrat am Streicheln seiner Akten…). Aber das Regime der Begehrensmaschine ist keine verallgemeinerte Perversion, es ist vielmehr das Gegenteil, eine allgemeine und produktive Schizophrenie, endlich glücklich geworden. Denn von der Begehrensmaschine muss man sagen, was Tinguely sagt: eine wirklich freudige Maschine; mit freudig meine ich frei.
- – Maschine und voller Körper: die Investitionen der Maschine.
Nichts ist, sobald man sich für das Detail interessiert, dunkler als die Thesen von Marx über die Produktivkräfte und die Produktionsverhältnisse. Im Groben versteht man: von den Werkzeugen zu den Maschinen implizieren die menschlichen Produktionsmittel soziale Produktionsverhältnisse, die ihnen dennoch äußerlich sind und deren Index sie nur sind. Aber was bedeutet ‘Index’? Warum hat man eine abstrakte evolutionäre Linie projiziert, die das isolierte Verhältnis von Mensch und Natur darstellen soll, in der man die Maschine vom Werkzeug her erfasst und das Werkzeug in Abhängigkeit vom Organismus und seinen Bedürfnissen? Dann ist es zwingend, dass die sozialen Verhältnisse dem Werkzeug oder der Maschine äußerlich erscheinen und ihnen von außen ein anderes biologisches Schema aufzwingen, indem sie die evolutionäre Linie nach heterogenen sozialen Organisationen brechen14 (es ist insbesondere dieses Spiel zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, das die seltsame Idee erklärt, die Bourgeoisie sei zu einem gegebenen Zeitpunkt revolutionär gewesen). Uns scheint im Gegenteil, dass die Maschine unmittelbar in Bezug auf einen sozialen Körper gedacht werden muss und nicht in Bezug auf einen menschlichen biologischen Organismus. Wenn dem so ist, kann man die Maschine nicht als ein neues Segment betrachten, das dem des Werkzeugs auf einer Linie nachfolgt, die ihren Ausgangspunkt im abstrakten Menschen fände. Denn der Mensch und das Werkzeug sind bereits Maschinenteile auf dem vollen Körper einer betrachteten Gesellschaft. Die Maschine ist zuerst eine soziale Maschine, konstituiert durch einen vollen Körper als maschinisierende Instanz und durch die Menschen und die Werkzeuge, die maschiniert sind, insofern sie auf diesem Körper verteilt sind. Es gibt zum Beispiel einen vollen Körper der Steppe, der Mensch-Pferd-Bogen maschiniert, einen vollen Körper der griechischen Polis, der Menschen und Waffen maschiniert, einen vollen Körper der Fabrik, der die Menschen und die Maschinen maschiniert… Von zwei Definitionen der Fabrik, die Ure gibt und die Marx zitiert, bezieht die erste die Maschinen auf die Menschen, die sie überwachen, die zweite die Maschinen und die Menschen, ‘mechanische und intellektuelle Organe’, auf die Fabrik als vollen Körper, der sie maschiniert. Und es ist die zweite Definition, die wörtlich und konkret ist.
Es ist weder metaphorisch noch durch Erweiterung, dass Orte, kollektive Ausstattungen, Kommunikationsmittel, soziale Körper als Maschinen oder als Maschinenteile betrachtet werden. Im Gegenteil ist es durch Einschränkung und Ableitung, dass Maschine nur noch eine technische Realität bezeichnen wird, aber gerade unter den Bedingungen eines sehr besonderen vollen Körpers, des Körpers des Kapital-Geldes, insofern er dem Werkzeug die Form des fixen Kapitals gibt, das heißt die Werkzeuge auf einem autonomen mechanischen Repräsentanten verteilt, und dem Menschen die Form des variablen Kapitals gibt, das heißt die Menschen auf einem abstrakten Repräsentanten der Arbeit überhaupt verteilt. Ineinanderschachtelung voller Körper, die zu ein und derselben Reihe gehören: der des Kapitals, der der Fabrik, der des Mechanismus… (Oder der der griechischen Polis, der der Phalanx, der des Schildes mit zwei Griffen.) Wir müssen nicht fragen, wie die technische Maschine den einfachen Werkzeugen nachfolgt, sondern wie die soziale Maschine, und welche soziale Maschine, statt sich damit zu begnügen, Menschen und Werkzeuge zu maschinieren, zugleich das Hervortreten technischer Maschinen möglich und notwendig macht. (Vor dem Kapitalismus gibt es durchaus technische Maschinen, aber das maschinische Phylum geht nicht durch sie hindurch, gerade weil es sich im Wesentlichen damit begnügt, Menschen und Werkzeuge zu maschinieren. Ebenso gibt es in jeder sozialen Formation Werkzeuge, die nicht maschiniert sind, weil das Phylum nicht durch sie hindurchgeht, und die es in anderen Formationen sind oder sein werden: zum Beispiel die hoplitischen Waffen.)
Die so verstandene Maschine ist als Begehrensmaschine definiert: das Ensemble eines vollen Körpers, der maschiniert, und der Menschen und Werkzeuge, die auf ihm maschiniert sind. Daraus folgen mehrere Konsequenzen, die wir nur programmatisch andeuten können.
Erstens sind die Begehrensmaschinen wohl dieselben wie die sozialen und technischen Maschinen, aber sie sind wie deren Unbewusstes: sie manifestieren und mobilisieren nämlich die libidinösen Investitionen (Begehrensinvestitionen), die den bewussten oder vorbewussten Investitionen (Interesseninvestitionen) der Ökonomie, der Politik und der Technik eines bestimmten sozialen Feldes ‘entsprechen’. Entsprechen bedeutet keineswegs ähneln: es geht um eine andere Verteilung, eine andere ‘Karte’, die nicht mehr die in einer Gesellschaft konstituierten Interessen betrifft, noch die Verteilung von Möglich und Unmöglich, von Zwängen und Freiheiten, all das, was die Gründe einer Gesellschaft ausmacht. Aber unter diesen Gründen gibt es die ungewöhnlichen Formen eines Begehrens, das die Flüsse als solche und ihre Schnitte investiert, das nicht aufhört, die Zufallsfaktoren, die weniger wahrscheinlichen Figuren und die Begegnungen zwischen unabhängigen Reihen an der Basis dieser Gesellschaft zu reproduzieren, und das eine Liebe ‘für sich selbst’ freisetzt, Liebe des Kapitals zu sich selbst, Liebe der Bürokratie zu sich selbst, Liebe der Repression zu sich selbst, lauter seltsame Dinge wie ‘Was begehrt ein Kapitalist in seinem Grunde?’ und ‘Wie ist es möglich, dass Menschen die Repression nicht nur für die anderen, sondern für sich selbst begehren?’, usw.
Zweitens versteht man besser, dass die Begehrensmaschinen wie die innere Grenze der sozialen technischen Maschinen sind, wenn man berücksichtigt, dass der volle Körper einer Gesellschaft, die maschinisierende Instanz, niemals als solcher gegeben ist, sondern immer aus den Termen und den Verhältnissen, die in dieser Gesellschaft ins Spiel gebracht werden, erschlossen werden muss. Der volle Körper des Kapitals als sprossender Körper, Geld, das Geld produziert, ist niemals für sich selbst gegeben. Er impliziert einen Grenzübergang, in dem die Terme auf ihre einfachen Formen reduziert sind, absolut genommen, und die Verhältnisse ‘positiv’ durch eine Abwesenheit von Verbindung ersetzt sind. Zum Beispiel für die kapitalistische Begehrensmaschine die Begegnung zwischen dem Kapital und der Arbeitskraft, das Kapital als deterritorialisierter Reichtum und die Arbeitskraft als deterritorialisierter Arbeiter, zwei unabhängige Reihen oder einfache Formen, deren zufällige Begegnung im Kapitalismus unaufhörlich reproduziert wird. Wie kann die Abwesenheit von Verbindung positiv sein? Wir finden die Frage von Leclaire wieder, der das Paradox des Begehrens formuliert: wie können Elemente gerade durch die Abwesenheit von Verbindung verbunden sein? In gewisser Weise kann man sagen, dass der Cartesianismus, mit Spinoza oder Leibniz, nicht aufgehört hat, auf diese Frage zu antworten. Es ist die Theorie der realen Unterscheidung, insofern sie eine spezifische Logik impliziert. Eben weil sie real unterschieden und vollständig voneinander unabhängig sind, gehören letzte Elemente oder einfache Formen zu demselben Sein oder zu derselben Substanz. In diesem Sinn funktioniert ein substantieller voller Körper überhaupt nicht wie ein Organismus. Und die Begehrensmaschine ist nichts anderes: eine Vielheit unterschiedener Elemente oder einfacher Formen, die auf dem vollen Körper einer Gesellschaft verbunden sind, gerade insofern sie ‘auf’ diesem Körper sind oder insofern sie real unterschieden sind. Die Begehrensmaschine als Grenzübergang: Erschließung des vollen Körpers, Freilegung der einfachen Formen, Zuordnung der Abwesenheiten von Verbindung: die Methode von Marx’ Kapital geht in diese Richtung, aber die dialektischen Voraussetzungen hindern sie daran, bis zum Begehren vorzudringen, insofern es zur Infrastruktur gehört.
Drittens sind die Produktionsverhältnisse, die außerhalb der technischen Maschine bleiben, im Gegenteil innerhalb der Begehrensmaschine. Nicht als Verhältnisse freilich, sondern als Maschinenteile, von denen die einen Produktionselemente sind, die anderen Anti-Produktionselemente.15 J.-J. Lebel zitiert Bilder aus dem Film von Genet, die eine Begehrensmaschine des Gefängnisses bilden: zwei Häftlinge in benachbarten Zellen, von denen der eine dem anderen Rauch in den Mund bläst, durch ein Blasrohr, das durch ein kleines Loch in der Wand geht, während ein Wärter masturbiert und zusieht. Der Wärter, zugleich Anti-Produktionselement und voyeuristisches Teil der Maschine: das Begehren geht durch alle Teile. Das heißt, dass die Begehrensmaschinen nicht befriedet sind: es gibt in ihnen Herrschaften und Knechtschaften, tödliche Elemente, sadistische Teile und masochistische Teile nebeneinander. Gerade in der Begehrensmaschine nehmen diese Teile oder Elemente wie alle anderen ihre eigentlich sexuelle Dimension an. Keineswegs, wie es die Psychoanalyse wollte, dass die Sexualität über einen ödipischen Code verfügte, der die sozialen Formationen verdoppelte oder gar ihrer Genese und ihrer mentalen Organisation vorsäße (Geld und Analität, Faschismus und Sadismus, usw.). Es gibt keinen sexuellen Symbolismus; und die Sexualität bezeichnet keine andere ‘Ökonomie’, keine andere ‘Politik’, sondern das libidinöse Unbewusste der politischen Ökonomie als solcher. Die Libido, Energie der Begehrensmaschine, investiert als sexuell jeden sozialen Unterschied, Klassen-, Rassenunterschied usw., sei es um im Unbewussten die Mauer des Geschlechterunterschieds zu garantieren, sei es im Gegenteil, um diese Mauer zu sprengen, sie im nicht-menschlichen Sex abzuschaffen. In ihrer Gewalt selbst ist die Begehrensmaschine eine Erprobung des gesamten sozialen Feldes durch das Begehren, eine Erprobung, die ebenso gut in den Triumph des Begehrens wie in den Triumph der Unterdrückung des Begehrens umschlagen kann. Die Erprobung besteht darin: eine Begehrensmaschine sei gegeben, wie macht sie aus einem Produktionsverhältnis oder einem sozialen Unterschied eines ihrer Teile, und welche Position hat dieses Teil? Der Bauch des Milliardärs in der Zeichnung von Goldberg, der masturbierende Wärter im Bild von Genet? Der sequestrierte Patron, ist er nicht ein Teil der Begehrensmaschine-Fabrik, eine Weise, auf die Erprobung zu antworten?
Viertens, wenn die Sexualität als Energie des Unbewussten die Investition des sozialen Feldes durch die Begehrensmaschinen ist, zeigt sich, dass die Haltung gegenüber Maschinen überhaupt keineswegs eine bloße Ideologie ausdrückt, sondern die Position des Begehrens in der Infrastruktur selbst, die Mutationen des Begehrens in Abhängigkeit von den Schnitten und den Flüssen, die dieses Feld durchqueren. Deshalb hat das Maschinenthema einen so stark, so offen sexuellen Inhalt. Um den Ersten Weltkrieg herum prallten die vier großen Haltungen zur Maschine aufeinander: die große molare Exaltation des italienischen Futurismus, der auf die Maschine setzt, um die nationalen Produktivkräfte zu entwickeln und einen neuen nationalen Menschen hervorzubringen, ohne die Produktionsverhältnisse in Frage zu stellen; die des russischen Futurismus und Konstruktivismus, die die Maschine in Funktion neuer Produktionsverhältnisse denken, die durch ihre kollektive Aneignung bestimmt sind (der Maschinen-Turm von Tatlin oder der von Moholy-Nagy, der die berühmte Parteiorganisation als demokratischen Zentralismus ausdrückt, spiralförmiges Modell mit Spitze, Transmission, Basis; die Produktionsverhältnisse bleiben der Maschine äußerlich, die als ‘Index’ funktioniert); die dadaistische molekulare Maschinerie, die für ihre Rechnung eine Umkehr als Begehrensrevolution vollzieht, weil sie die Produktionsverhältnisse der Erprobung durch die Teile der Begehrensmaschine unterwirft und aus ihr eine heitere Bewegung der Deterritorialisierung jenseits aller Territorialitäten von Nation und Partei freisetzt; schließlich ein humanistischer Anti-Maschinismus, der das imaginäre oder symbolische Begehren retten, es gegen die Maschine zurückwenden will, selbst um den Preis, es auf einen ödipischen Apparat zurückzubiegen (der Surrealismus gegen den Dadaismus, oder Chaplin gegen den dadaistischen Buster Keaton).16
Und gerade weil es nicht um Ideologie geht, sondern um eine Machination, die ein ganzes Unbewusstes einer Periode und einer Gruppe ins Spiel bringt, ist die Verbindung dieser Haltungen mit dem sozialen und politischen Feld komplex, obwohl sie nicht unbestimmt ist. Der italienische Futurismus formuliert sehr wohl die Bedingungen und Organisationsformen einer faschistischen Begehrensmaschine, mit allen Zweideutigkeiten einer nationalistischen und kriegerischen ‘Linken’. Die russischen Futuristen versuchen, ihre anarchistischen Elemente in eine Parteimaschine einzuschmuggeln, die sie zerdrückt. Politik ist nicht die Stärke der Dadaisten. Der Humanismus vollzieht eine Desinvestition der Begehrensmaschinen, die dennoch in ihm weiter funktionieren. Aber um diese Haltungen herum ist das Problem des Begehrens selbst gestellt worden, der Position des Begehrens, das heißt des jeweiligen Immanenzverhältnisses zwischen den Begehrensmaschinen und den sozialen technischen Maschinen, zwischen diesen beiden Extrempolen, an denen das Begehren paranoide faschistische Formationen investiert oder im Gegenteil schizoide revolutionäre Flüsse. Das Paradox des Begehrens besteht darin, dass es immer eine so lange Analyse braucht, eine ganze Analyse des Unbewussten, um die Pole zu entwirren und die revolutionären Gruppenerprobungen für Begehrensmaschinen freizulegen.
- Text erstmals veröffentlicht in Minuit, Nr. 2, Januar 1973.
- Roheim, Psychanalyse et anthropologie, frz. Übers. Gallimard, S. 190-192.
- Pierre Auger, L’Homme microscopique, Flammarion, S. 138.
- Michel de M’Uzan, in La Sexualité perverse, Payot, S. 34-37.
- Zur maschinischen Kontinuität und Diskontinuität, Leroi-Gourhan, Milieu et techniques, Albin Michel, S. 366 ff.
- Roheim zeigt ebenfalls gut die Verbindung Ödipus-Projektion-Repräsentation.
- Marcel Moré, Le Très Curieux Jules Verne und Nouvelles explorations de Jules Verne, Gallimard.
- Roger Dadoun, ‘Les ombilics du rêve’, in L’Espace du rêve, Nouvelle revue de psychanalyse, Nr. 5 (und zum Traum-Programm vgl. Sarane Alexandrian, ‘Le rêve dans le surréalisme’, ebda.).
- Trost, Vision dans le cristal (éd. de l’Oubli), Visible et invisible (Arcanes), Librement mécanique (Minotaure). Ghérasim Luca, Le Vampire passif (éd. de l’Oubli).
- Serge Leclaire, ‘La réalité du désir’, in Sexualité humaine, Aubier.
- Zum Zufälligen, zum ‘verrückten Vektor’ und ihren politischen Anwendungen vgl. die Bücher von Vendryes, Vie et probabilité (Albin Michel), La probabilité en histoire (ebd.) und Déterminisme et autonomie (Armand Colin). Zu einer ‘Anmachmaschine’, brownoiden Typs, Guy Hocquenghem, Le Désir homosexuel (éd. Universitaires).
- Ivan Illich, ‘Re-tooling Society’, Nouvel Observateur, 11. September 1972 (zum Großen und Kleinen in der Maschine vgl. Gilbert Simondon, Du mode d’existence des objets techniques, Aubier, S. 132-133).
- David Robinson, ‘Buster Keaton’, Revue du cinéma (dieses Buch enthält eine Studie über Keatons Maschinen).
- Zu diesem anderen biologischen Schema, gegründet auf Organisationstypen, vgl. Nachwort, 2. Aufl. des Capital (Pléiade, I, S. 557-558).
- ‘Jeder durch das Eindringen eines Maschinenphänomens produzierte Bruch wird verbunden sein mit dem, was man ein Anti-Produktionssystem nennen wird, spezifischer repräsentativer Modus der Struktur… Die Anti-Produktion, das wird unter anderem das sein, was unter das Register der Produktionsverhältnisse gebracht worden ist.’
- Zur Rolle der Maschinen im Futurismus und im Dadaismus vgl. Noémi Blumenkranz, L’Esthétique de la machine (Société d’esthétique), ‘La spirale’, (Revue d’esthétique, 1971).
[…] Anti-Ödipus (playlist)Gilles Deleuze & Félix Guattari1. Anti-Ödipus: Die Fabrik des Begehrens2. Das Unbewusste als Fabrik3. Wilde, Barbaren, Zivilisierte4. Das Unbewusste als Fabrik5. Die Philosophie der Begehrensmaschinen […]
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